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Tom Alby

1 Jahr Home Office

2021-03-07


Am 13.3.2020 bin ich ins Home Office gewechselt. Nicht freiwillig. An diesem Tag erfuhr ich, dass ich am Tag zuvor mit einer Kollegin Bahn gefahren war, die am nächsten Tag starke Corona-Symptome hatte (ihr Test war später negativ). Sie hatte Kontakt zu mehreren Team-Mitgliedern. Es war Freitag der 13., an dem ich das ganze anwesende Team nach Hause schicken musste und zum Teil in Angst und Schrecken versetzte. Denn, wo einen Test herbekommen, wenn die 116117 dauerbesetzt ist? An diesem Tag ging alles darum, mit wem die Kollegin Kontakt hatte, welche Wege sie im Büro gegangen war, und in welchen Räumen sie länger verweilte. Sofort ging ein bereits definierter Prozess los. Doch für das, was folgte, gab es noch keinen Prozess.

Ich war stets ein Freund von Home Office und hatte bereits zuvor mindestens einen Tag pro Woche, wenn nicht sogar zwei, von zuhause gearbeitet. Das Pendeln war dabei mein geringstes Problem, ich kann zu Fuß ins Büro gehen. Aber zuhause habe ich eine GigaBit-Leitung, meistens mehr Ruhe und Möglichkeit zur Konzentration, und außerdem die Flexibilität, meine Pause an der Elbe zu verbringen. Viele meiner Interaktionen sind eh Videokonferenzen mit Kollegen in anderen Ländern. Für die ersten Woche war es daher erst einmal überhaupt kein Problem, die ganze Zeit im Home Office zu verbringen. Halt so, als ob man eine Woche lang sein Lieblingsgericht zu essen bekommt.

Auf die eine Woche folgte eine zweite. Die war auch gut, vielleicht, dachte ich insgeheim, könnte es ja sogar erst mal so bleiben, um auf Nummer sicher zu gehen. Auch wenn es dann nervte, dass die Regale leergefegt waren und der Speiseplan dementsprechend limitiert wurde. Und dann eine dritte Woche. Nicht nur mein Team war nun im Home Office, weitere Teams folgten. Und mit ihnen die Notwendigkeit, manche Prozesse zu digitalisieren oder sogar etwas komplett Neues zu bauen. Das Home Office gab mir genug Ruhe, um viel programmieren zu können. Wahrscheinlich habe ich einige meiner besten Zeilen Code in dieser Zeit geschrieben. Gleichzeitig hatten wir im Team eine Art virtuelles Büro gebaut, mit Kaffeeecke zum Chatten usw. Manche Highlights, wie das gegenseitige Teilen von Lieblingsmusik am Freitag, hatten wir vorher analog nicht. Im Sommer hatte ich mich mit Kollegen in Parks getroffen, mit Abstand natürlich, damit man sich wenigstens mal sieht. Mein Arbeitsplatz zuhause indes professionalisierte sich, erst ein Monitor, dann ein hoch- und runterfahrbarer Schreibtisch, sowie mehrere Versuche, das WLAN am anderen Ende der Wohnung stabil zu bekommen. Zum Glück hatte ich schon vor der Pandemie darauf gedrängt, ein Zimmer stärker zum Büro umzufunktionieren. So viel Luxus hat sicherlich nicht jeder, ich bin da definitiv privilegiert, vor allem wenn um einen herum Freunden das Einkommen wegbricht und diese ganz andere Sorgen haben.

Wie das so ist mit Lieblingsgerichten, wenn man sie jeden Tag isst, dann hängen sie einem irgendwann aus dem Hals heraus. Nicht falsch verstehen, ich bin immer noch ein großer Anhänger vom Home Office. Aber jedes Mal, wenn ich dann doch mal im Büro war und Kollegen treffen konnte, kam ich gut gelaunt nach Hause. Und ich bin nicht unbedingt derjenige, der jeden Tag Menschen um sich braucht. Im Gegenteil. Aber die Mischung macht es. Denn die Tage im Home Office werden auf die Dauer eintönig. Auch wenn ich vor der Arbeit rausgehe, meistens einmal Mittags und dann auch noch nach der Arbeit, damit der Tag wenigstens etwas an Struktur und Zäsur hat. Manche Kollegen haben Probleme damit, Arbeit vom Privaten zu trennen. Und auch wenn viele sagen, dass es doch süß sei, wenn Kinder in eine Videokonferenz hineinplatzen, einem selbst ist das oft peinlich, und wie überhaupt sollen die Kinder verstehen, dass Papa zuhause ist, aber nicht ansprechbar?

Und dann ist da noch etwas anderes, was Ronnie Grob gut beschreibt. Firmen haben festgestellt, dass ihre Mitarbeiter auch produktiv sind, wenn sie nicht im Büro antanzen. Bürokapazitäten und Dienstreisen könnten für immer reduziert werden. Doch wenn Remote Working so gut funktioniert, warum dann nicht auch gleich noch „remoter“ gehen in Zukunft? Braucht man wirklich den teuren Experten vor Ort, oder geht nicht sogar der mindestens genauso kompetente aber viel günstigere Experte auf einem anderen Kontinent? Dies ist bereits heute das Geschäftsmodell mancher Beratungen, teure Berater vor Ort, günstige Experten sonstwo, und nicht nur große Firmen haben bereits Erfahrungen mit Offshoring oder Nearshoring gemacht. Es ist nicht auszuschließen, dass dies nun stärker ausgebaut wird.

Wenn die Pandemie, hoffentlich bald, vorbei ist, dann werden wir versuchen zu der Welt zurückzukehren, die wir vorher hatten. Aber das wird nicht möglich sein, zumindest nicht unter der Oberfläche. Die Restaurants, sofern sie nicht bereits verschwunden sind, werden wieder öffnen und Konzerte stattfinden, doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn es sind Gedankenprozesse in Gang gekommen, die nicht so einfach wieder zurückgeschoben werden können. Auch, dass unser System sehr vulnerabel ist, hat nun jeder feststellen können. Das wird sich nicht so einfach durch vermehrte Restaurantbesuche nach der Pandemie kompensieren lassen.

Derweil wünsche ich mir in meinem Home Office, dass die Eintönigkeit bald vorbei sein möge und ich auch gut geplante Arbeitstage im Büro verbringen kann. Meine grundlegende Hoffnung aber ist, dass wir die neu gewonnene Freiheit sinnvoller füllen werden als zuvor.